FILM FELD FORSCHUNG
Goethe-Residenzprogramm


Seit 2016 lädt die gemeinnützige Gesellschaft silent green Film Feld Forschung mit Unterstützung des Goethe-Instituts jährlich eine/n Künstler/in nach Berlin ein, um mit und in der Sprache des Mediums Film zu forschen. Dabei zählt nicht das fertige Produkt, sondern vor allem die Auseinandersetzung im Entstehungsprozess einer künstlerischen Arbeit. Der Aufenthalt ist daher nicht zweckgebunden, soll jedoch Synergien mit der einzigartigen Örtlichkeit, dem denkmalgeschützten ehemaligen Krematorium Wedding und seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung erzeugen. In 2016 und 2017 waren die Film- und Medienkünstlerinnen Maha Maamoun und Shelly Silver zu Gast.  

Neben Wohn- und Arbeitsräumen in Berlin stehen den KünstlerInnen auch die Kuppelhalle und die Workshop-Räume des silent green für Veranstaltungen offen. Mit dem neu entstehenden Zentrum für audiovisuelle Forschung auf dem Gelände des silent green und dem dazugehörigen Atelierhaus, werden ihnen ab 2019 zudem voll ausgestatte und großflächige Experimentierfelder zur Verfügung gestellt. Dort soll das Audiovisuelle unter Laborbedingungen in seine Bausteine Bild, Ton und Sprache zerlegt, analysiert und transformiert werden.


Shelly Silver

Artist in Residence 2017


Der Begriff „experimenteller Dokumentarismus“ beschreibt die Arbeiten der Video- und Filmkünstlerin Shelly Silver vielleicht am treffendsten. 1957 in New York geboren und aufgewachsen, studierte sie Intellectual History und Mixed Media in Cornell. Nach ihrem Abschluss besuchte Silver die Summer School des San Francisco Art Institute, wo sie zu jenem Medium fand, das sie bis heute nicht mehr loslässt: der Film. Es folgten die Teilnahme am Studio Programm des Whitney Museum und Arbeiten als Cutterin. Eine praktische Schulung, die in vielen ihrer präzise komponierten Filme zu erkennen ist. Mit Stipendien reiste Silver in den frühen 1990er Jahren nach Deutschland und Japan, wo sie ihre Filme Former East/Former West (1994) und 37 Stories About Leaving Home (1996) produzierte, die Fragestellungen zu kultureller Identität und Geschlecht verhandeln. Heute ist Shelly Silver neben ihrer künstlerischen Arbeit Associate Professor und Director of Moving Image im Visual Arts Program der Columbia University.  

Silvers umfangreiches, mehrfach preisgekröntes Werk wird international ausgestellt und gezeigt, u.a. im Museum of Modern Art, New York; dem Tate Modern und ICA, London; Centre Georges Pompidou, Paris; Museum of Contemporary Art, Los Angeles; dem Yokohama Museum of Art sowie auf Filmfestivals in London, Singapur, New York, Moskau und Berlin.

KÜNSTLERISCHE PRAXIS

Silvers experimenteller Ansatz verhandelt die Struktur und Bedeutung der dokumentarischen Form an sich. Dies beginnt bereits mit Meet the People (1986), einer Videoarbeit, in der sich die „Talking Heads“ scheinbar autobiografischer Interviews als Schauspielende entpuppen und grundlegende Fragen nach Identität und Selbstpräsentation aufwerfen: Inwiefern wird eine Persona vor und durch die Kamera erzeugt? Und wie schreiben sich Fiktion und Narration so in die dokumentarische Form ein? Was bedeutet dies für ihren postulierten Wahrheitsanspruch?  

Auch der anderen Grundsatzfrage des Dokumentarischen stellt sich Silver in ihren Arbeiten – dem Verhältnis zwischen Beobachter und Beobachtetem. Das voyeuristische Dispostiv, das sich aus Filmendem, Gefilmtem und Zuschauer zusammensetzt, erscheint in ihren Arbeiten nicht statisch, sondern wird stetig fluktuierend an sich selbst beobachtet und befragt. So beispielsweise in TOUCH (2013), in dem der Blickpunkt eines fiktionalen Charakters eingenommen wird, welcher seine Nachbarschaft in Chinatown beobachtet, oder suicide (2003), in dem eine von Silver selbst verkörperte suizidale Filmemacherin durch die entfremdenden Stadtlandschaften von Japan wandert. Die Figuren, die hier hinter der Kamera stehen, könnten unterschiedlicher nicht sein, und genauso unterschiedlich sind auch die Linsen, durch die sie ihre Umgebung wahrnehmen.  

Shelly Silver experimentiert mit den Machtdynamiken, die zwischen der Filmemacherin und ihrem Subjekt bestehen und bringt so deren Funktionsmechanismen ans Licht. Und auch die Betrachtenden sind in Silvers Schauanordnungen impliziert: „The eye is an orifice, and we are changed by what we see“1  (S. Silver)  

Dieser schmale Grad zwischen Distanz und Intimität schlägt sich auch in Silvers bevorzugtem Schauplatz nieder: dem urbanen Raum als umkämpftes Territorium zwischen Öffentlichem und Privatem. Sie knüpft Verbindungen zwischen ephehmären, physischen wie metaphysischen Räumen, und vor allem schafft sie materielle Verbindungen zwischen Menschen, Überschneidungspunkte zwischen dem Ich und dem Wir, dem Individuum und dem Kollektiv. 

„Much of my work functions as a motor for contact between people who are randomly or loosely selected. My initial work is to set up a structure where meetings can take place, as well as fixing a question or subject around which to make contact and exchange.“2 (S. Silver)   In Silvers Werk eröffnet der Film multiple Blicke auf die Welt, neue Artikulationsmöglichkeiten sowie einen veränderten Rahmen für zwischenmenschliche Begegnungen, in denen Geschichte(n) neu imaginiert werden kann: „Ever since I can remember, I’ve felt caught by the world. My way out is to look, to analyze, to ask, to go back and trawl for lost histories, and then to imagine something different. Film is good for that.“3 (S. Silver)

WERKE  


Film
 
1986 -  Meet the People
1989 -  Things I Forget to Tell Myself
1989 -  getting in.
1990 -  We
1991 -  The Houses That Are Left
1994 -  April 2nd            
             Fragments            
            
Former East/Former West
1996 -  37 Stories About Leaving Home
1999 -  small lies, Big Truth
2001 -  1
2003 -  suicide
2004 -  What I’m Looking For
2008 -  in complete world
2009 -  5 lessons & 9 questions about Chinatown
2013 -  TOUCH
2015 -  The Lamps            
             frog spider hand horse house
2017 -  A Strange New Beauty  

Installationen
 
2001 - 2014    Hidden Among the Leaves/Caché Parmi les Feuilles
2001 - 2002    ROOSTER
2002                evening
2004                What I’m Looking For
2008                exceptional happenings

VERANSTALTUNGEN im silent green  

Silver war 2017 Stipendiatin des Film Feld Forschung Residenzprogramms und nutzte zahlreiche Gelegenheiten, um neue und alte Werke zu präsentieren. Zudem drehte Sie während ihres Aufenthalts im Rahmen des silent green Projekts Stoffwechsel eigens zwei neue Kurzfilme, Turn und This Film, die Teil eines Experiments zur Beschleunigung des sogenannten Essig-Syndroms sind, ein Zersetzungsprozess von Acetat-Filmmaterial. Das Experiment ist auf drei Jahre angelegt und im MARS zu sehen.  


Berliner Premiere von TOUCH, Screening und Gespräch
About Animals; Screenings, Lesung und Gespräch mit Shelly Silver und Maha Maamoun
Forum Expanded 2018 Ausstellungseröffnung, Premiere zweier Kurzfilme

Links  
http://shellysilver.com  
https://vimeo.com/user783718  

Fußnoten  
1. Shelly Silver (2015), In the Studio, Interview mit Steel Stillman. In: Art in America, April 2015, S. 98-105. S. 104
2. Shelly Silver (2008), Three Questions for Shelly Silver, Interview mit John Menick. Blog: Art, film prose & politics.
3. Shelly Silver (2015), In the Studio



Maha Maamoun

Artist in Residence 2016/17

Das fotografische und filmische Bild ist in den Arbeiten der Medienkünstlerin Maha Maamoun zugleich Medium und Untersuchungsgegenstand. 1972 in Kalifornien geboren, emigrierte Maamoun im Alter von fünf Jahren mit ihrer Familie nach Kairo, wo sie bis heute lebt und arbeitet. Nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaft und einem Master in Nahöstlicher Geschichte an der American University Kairo, ist Maamoun seit 2004 Gründungsmitglied des Contemporary Image Collective (CIC), einer unabhängigen Initiative für zeitgenössische Kunst. Bereits in der Programmarbeit für das CIC spielten Fragen nach der Wirkung und Rezeption des fotografischen Bildes und der neuen Medien eine zentrale Rolle. Themen, die sich durch viele von Maamouns Werken ziehen.  

Ausgestellt wurden Maamouns Arbeiten unter anderem im Centre Pompidou, Paris; Tate Modern, London; MoMA, ICP, New Museum und Metropolitan Museum of Art in New York; MuHKA, Antwerpen; MATHAF – Arab Museum of Modern Art, Doha; Mori Art Museum, Tokyo; Beirut Art Center, Beirut; Makan, Amman; Steirischer Herbst, Graz; Witte de With, Rotterdam; Philadelphia Museum of Art, Philadelphia; Den Frie Centre of Contemporary Art, Kopenhagen; Haus der Kunst, München. Zu ihren Solo-Shows zählen weiterhin Lingering in Vicinity in der Gypsum Gallery 2014, The Night of Counting the Years im Fridericianum Kassel in 2014 und The Law of Existence im Sursock Museum Beirut in 2017. 2004 gewann sie auf der Dak’art Biennial den Preis "Au Sud du Sud" für ihr Projekt Cairoscapes und 2009 den Jury-Preis der Sharjah Biennial 9 für Domestic Tourism II. Weitere Einträge für Festivals beinhalten Bamaco 03 in Mali, die 9te Gwangju Biennale, sowie die Transmediale 2014 und die 64te Berlinale in Berlin. 2018 war Maamoun zudem Co-Kuratorin des Forum Expanded der 68ten Berlinale.  

KÜNSTLERISCHE PRAXIS 

Maamoun arbeitet mit Interventionen in filmisch-fotografischen Materialien, um die ihnen eingeschriebenen Blickverhältnisse zu stören und sichtbar zu machen. Ihre Techniken umfassen das Collagieren durch Schnitt, Montage und Digitale Bearbeitung. Dabei verwendet sie eine Vielzahl unterschiedlicher Quellen, von historischen Filmausschnitten über Found Footage und Trivialliterartur bis hin zu Youtube-Videos. Diese Gegenüberstellungen dienen ihr als Ausgangspunkte für eine Reflexion über den Kitt, der persönliche und nationale Narrative zusammenhält und die Risse, die in ihnen sichtbar werden. Realität und Fiktion sind hier nicht klar getrennt, sondern werden vermischt, heruntergebrochen und neu zusammengesetzt, um eine Komplexität zu erzeugen, welche sich vereinfachenden Zuschreibungen entzieht.  

WERKBEISPIEL: Domestic Tourism II  

Maamouns Praxis der kritischen Bildbetrachtung entblößt die Überschneidungen verschiedener Blickregime, seien es politische, persönliche oder globale. So evoziert Maamoun in ihrer Filmmontage Domestic Tourism II die Pyramiden von Gizeh als nationalpolitisches Symbol. Sie vereint Ausschnitte aus der Geschichte des ägyptischen Kinos von 1950 bis in die Gegenwart, in denen die Pyramiden als Motiv erscheinen: „In diesen Szenen sind im Hintergrund immer die Pyramiden zu sehen. [...] Es interessierte mich, wie und wann dieses Symbol Ägyptens als Hintergrundfolie ins Bild kommt und inwiefern seine Instrumentalisierung und Politisierung durch die verschiedenen politischen Regime dabei in den Blick gerät – die unterschiedlichen politischen Botschaften, die den Pyramiden im Lauf der Zeit zugeschrieben wurden." M. Maamoun Ein Spannungsfeld des Öffentlichen und Privaten wird eröffnet, eine Intersektion von Politik, Emotion und Erinnerung. Die chronologische Re- und Progression der Bilder in Maamouns Montage zeigt Veränderungen in der politischen Symbolik auf, genauso wie die mit diesen Bildern verknüpften, vielfältigen persönlichen Erinnerungen und Emotionen des ägyptischen Publikums.

Doch auch der westliche Blick wird hinterfragt: Inwiefern erscheinen die Pyramiden hier auf andere Weise als in der aufbereiteten Postkartenperspektive und in den sensationellen Filmbildern aus Hollywood? Welchen Blick werfen wir auf das Land Ägypten, welche Bilder davon werden im Westen generiert, und wie können diese wiederum auf orientalistische Praktiken zurückgeführt werden? Es ist eine Aktivierung der Bilder in einem neuen Kontext, die hier stattfindet, eine Befragung der Gegenwart durch die Vergangenheit.    

WERKE

Maha Maamouns Werk vereint die Eigenschaft der Transformation, bekannte Motive erfahren durch minimale Veränderungen eine neue Wertung. Es ist eine Konversation der Bilder mit sich selbst, ihrer Rezeption und Dissemination.  

2003 -  Cairoscapes (Fotoserie)
2004 -  Secure, In a Furnished Flat in Cairo (Installation)
2005 -  Domestic Tourism I (Fotoserie)
2008 - Most Fabulous Place (Film)            
            El-Sayyida Park #1+2 (Fotografie)            
            Landing (Fotografie)
            To the Future and Back (Fotografie)            
            Welcome (Fotografie)            
            Domestic Tourism II (Film)
2010 - 2026 (Film)
2011 - Night Visitor: The Night of Counting the Years (Film)
2013 - Shooting Stars Remind me of Eavesdroppers (Film)
2015 -  Untitled (Parrot) (Fotografie)
2016 - Dear Animal (Film)
2017 - The Subduer (Fotoserie)    

VERANSTALTUNGEN im silent green  

Maamoun sprach während ihres Stipendiumsaufenthalts im Rahmen von Werkstattgesprächen und Screenings mehrfach über ihr künstlerisches Schaffen, stellte eigene Werke vor sowie Filme, die Referenzen und Ausgangspunkte für ihre Arbeiten sind.    

Like Milking a Stone Werkstattgespräch mit Maha Maamoun, 29.05.2016   

About Animals Screenings, Lesung und Gespräch mit Shelly Silver und Maha Maamoun, 08.09.2017  

Retreat - A Rehearsal Ein Abend mit Maha Maamoun; Gäste: Haytham el-Wardany und Mohamed A. Gawad, 11.09.2017 

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