Vom Krematorium zum Kulturquartier

Das ehemalige Krematorium Wedding gehört zu den denkmalgeschützten Gebäuden in Berlin. Zwischen 1909 und 1910 als erstes Krematorium der Stadt und insgesamt drittes in Preußen erbaut, zeugt es vom kulturhistorischen Wandel, der mit der Einführung der Feuerbestattung als alternativer Beisetzungsform in Deutschland einherging.

Krematorien wurden im Zuge freidenkerischer Bewegungen zum Ende des 19. Jahrhunderts in ganz Deutschland errichtet. Neben der Einführung von Zivilehe und konfessionsloser Schulbildung gehörte die Etablierung der Einäscherung als rechtmäßige Begräbnisform neben der christlich tradierten Erdbestattung zu den erklärten Zielen der Freidenker. Gegen massive kirchliche Widerstände – die katholische Kirche räumte ihren Mitgliedern erst 1963 offiziell die Option der Feuerbestattung ein – wurde die erste Einäscherung 1878 im als liberal geltenden Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha durchgeführt und setzte sich danach als Ausdruck von Fortschritt, Säkularisierung, Umwelt- und Hygienebewusstsein zunehmend im gesamten damaligen Kaiserreich durch.

Das Gelände des Weddinger Krematoriums wurde 1828 als erster kommunaler Friedhof angelegt und als solcher bis 1879 genutzt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbat sich der Berliner Verein für Feuerbestattung die Erlaubnis, auf dem inzwischen still gelegten Friedhof eine Urnenhalle mit angrenzendem Urnenhain zu errichten, die 1908 erteilt wurde. Noch bevor Feuerbestattung in Preußen gesetzlich legitimiert wurde, begann im Jahr 1909 der Bau der Urnenhalle unter dem Architekten William Müller, der eine potentielle Erweiterung zum Krematorium bereits in seine Baupläne integrierte. Nachdem 1911 die gesetzliche Grundlage für Feuerbestattungen in Preußen erfolgte, konnte das Fundament schließlich um zwei Brennöfen ergänzt werden. 1912 nahm das Krematorium den Betrieb auf und ging mit der feierlichen Eröffnung zugleich in städtischen Besitz über, ebenso wie der angegliederte Urnenhain.

Das Herzstück des Gebäudekomplexes ist die 17m hohe Trauerhalle mit ihrem achteckigem Grundriss und dem pyramidenförmigen Mansardendach. In die angrenzende Flügelanlage, die den ebenfalls achteckigen Innenhof umschließt, sind, ebenso wie auch auf zwei Ebenen rings um das Innere der Trauerhalle, Kolumbarien eingelassen. Obwohl das Gebäude in seiner Architektur frühchristliche und sakrale Elemente aufweist, finden sich infolge der Abgrenzung zu kirchlichen Praktiken insgesamt nur wenig religiöse Motive in der Gestaltung des Krematoriums; in den Terrazzo-Boden der Urnenhalle ist an zentraler Stelle eine Transformation symbolisierende Schlange eingelassen, das Portal zum Innenhof des Gebäudes wird von steinernen Greifen gerahmt, in die schmiedeeisernen Tore zum Gelände des Krematoriums sind Flammenschalen eingearbeitet. Bewusst vieldeutig ist die Gestaltung der Frauenfigur über dem Eingang zur Trauerhalle, die zwischen antiker Gottheit, Marienfigur und Tempeldienerin angelegt ist.

Nachdem das Krematorium zwischen 1993 und 1996 noch um eine unterirdische Leichenhalle vergrößert wurde und im Anschluss daran die Ofen- und Filteranlagen komplett erneuert wurden, ließ die Stadt es Ende 2002 schließen. Die Kremation in Berlin verstorbener Personen wurde danach von den Krematorien am Baumschulenweg und in Ruhleben übernommen. Vom Urnenfriedhof getrennt, wurde das Krematorium zum Verkauf ausgeschrieben. Das Konzept des silent green Kulturquartiers erhielt den Zuschlag, woraufhin im Jahr 2013 die Umbau- und Renovierungsarbeiten begannen; die grundlegende Architektur blieb dabei im Sinne des Denkmalschutzes erhalten, ergänzt um wesentliche innenarchitektonische Änderungen, die helle und offene Strukturen in den Räumen schaffen, sie aus den alten Funktionen lösen und neue Nutzungen ermöglichen. 2014 zogen die ersten Mieter im sanierten Gebäude ein, und 2014/2015 fanden die ersten Veranstaltungen im silent green statt.

Sanierung

Die funktionale Umdeutung des Ortes, der in seiner historischen Relevanz unbedingt erkennbar und erhalten bleiben sollte, erforderte in der Renovierungsphase einen ausgewogenen Umgang mit der Formensprache  und den Materialien des Hauses. Ziel der Sanierungsarbeiten war es, dem Gebäude die architektonische Grundlage für eine neue Nutzung zu verleihen, ohne ihn seiner historischen Dimension und baulichen Prägnanz zu berauben.

In diesem Sinne folgten die Arbeiten von Beginn an einer klaren Festlegung von Sanierungskriterien, die in enger Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt entwickelt wurden: unter Beibehaltung der historischen Bauelemente und den authentizitätsstiftenden Details des Gebäudes grenzen sich neu eingebrachte Elemente wie Fenster und Türen deutlich vom bestehenden Altbau ab, während Verzierungen und Dekor an der Außenfassade und den Gittertoren restauriert und aufgebessert wurden. Die in den Jahrzenten der Kremationsnutzung vorgenommenen Änderungen an der Originalarchitektur wurden nach Möglichkeit in den Urzustand zurückgeführt; so wurden beispielsweise sämtliche zugemauerten Hohlräume von Beton und Putz freigelegt, darunter über 400 Urnenfächer in der Trauerhalle, sowie der dortige ehemalige Altarraum und die Gebetsnische. Die Trauerhalle, das Herzstück des Altbaus, wartete zudem mit einer besonderen Entdeckung auf: unter dem nachträglich gelegten Teppichboden konnte der originale Terrazzo sichergestellt und aufgearbeitet werden, der mit symbolischen Einlassungen nun wieder die Halle schmückt.

Die Sanierung erfolgte in Zusammenarbeit mit den Architekten Michael Vierling, Gernot Wagner, Max Dengler und Gunhild Niggemeier sowie mit dem Statiker Michael Beier. Durchgeführt wurden die Arbeiten von der GeProBau Gesellschaft für Projektsteuerung und Bauleitung mbH, unter der Leitung von Karl-Heinz Schlesselmann.

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