Arsenal Summer School 2016: Erbgemeinschaften

in Kooperation mit silent green

Do, 25.08.2016 - Sa, 27.08.2016

Jedes Jahr im August bietet das Arsenal – Institut für Film und Videokunst eine Summer School an. Drei Tage lang setzen sich die Teilnehmer_innen mit einem Thema an der Schnittstelle von Theorie und Praxis auseinander.

Die diesjährige Summer School trägt den Titel 'ERBGEMEINSCHAFTEN - Über den Umgang mit dem, was sein wird' und findet vom 25. bis 27.8. in Kooperation mit silent green statt, das auch das Filmarchiv des Arsenal beheimatet. Im Zentrum der Auseinandersetzung stehen Konzepte des kulturellen Erbes: Woraus besteht es, von wem kommt es, für wen ist es bestimmt? Wie bewegt es sich aus der Vergangenheit in die Zukunft? Es geht um Filme, um Bauwerke, aber auch um Ephemeres wie Nachrichten und Performancekunst. Und natürlich um das Kino.

Mit Beiträgen von Khaled Abdulwahed, Madeleine Bernstorff, Didi Cheeka, Bettina Ellerkamp, Milena Gregor, Jörg Heitmann, Regina Holzkamp, Ken Jacobs, Birgit Kohler, Volker Sattel, Marc-André Schmachtel, Bettina Schulte Strathaus, Stefanie Schulte Strathaus, Clemens von Wedemeyer, dem Harun Farocki Institut und SAVVY Contemporary.

Die Veranstaltungen finden teils in deutscher, teils in englischer Sprache statt.

Anmelden können sich alle Interessierten unter summerschool@arsenal-berlin.de.
Die Teilnehmer_innenzahl ist  begrenzt.


Programm



Donnerstag, 25.8.

9:00 Uhr  Ankunft und Begrüßung


10–12 Uhr  Eröffnungsdiskussion: Was ist Kulturerbe?

Milena Gregor, Birgit Kohler und Stefanie Schulte Strathaus (Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V.), Bettina Ellerkamp und Jörg Heitmann (silent green Kulturquartier), das Harun Farocki Institut und SAVVY Contemporary


Im silent green Kulturquartier lagert öffentlich zugänglich das analoge Filmarchiv des Arsenal. Es enthält Bilder und Narrative der weltweiten unabhängigen Kinogeschichte, insgesamt knapp 57.000 kg Filmmaterial. Nebenan befindet sich das Harun Farocki Institut, gegründet um seinen Nachlass zugänglich zu machen, aber auch, um eine Idee zu verfolgen, die er hinterlassen hat: Er stellte sich eine „Einrichtung“ vor, mit der „wir auch einen Zusammenschluss von Arbeitenden organisieren [können], nicht einen aus abstrakter Einsicht, sondern aus den Berührungspunkten der Arbeit.“
Colonial Neighbours, ein Projekt von SAVVY Contemporary, ist ein Archiv und Forschungsprojekt zur Kolonialgeschichte Deutschlands, die häufig als etwas betrachtet wird, was einer abgeschlossenen Vergangenheit angehört. Jede Vergangenheit hinterlässt jedoch Spuren: In Form von Straßen- oder Markennamen (Mohrenstraße, Sarotti), in der Kunst, in der Literatur, aber auch in Dokumenten, Fotografien, Filmaufnahmen und Geschichten, die nicht nur im öffentlichen Raum, sondern auch in Berliner Privatarchiven liegen. Und schließlich das silent green Kulturquartier selbst: Es befindet sich in einem ehemaligen Krematorium, das 1911 als erstes Krematorium in Berlin und drittes in Preußen erbaut wurde und unter Denkmalschutz steht.

13:30–15:30 Uhr  Madeleine Bernstorff, Regina Holzkamp, Birgit Kohler

Zugänglich machen, weitergeben, aktivieren – die Sammlung von Blickpilotin


"Nicht nur, daß Frauen Filme machen, ist wichtig, sondern auch, daß sie gezeigt und gesehen werden.“ So steht es im ersten Flugblatt der Initiative für ein Feministisches Kommunales Kino, wie Blickpilotin e.V. anfangs hieß.
Von 1989 bis 2003 organisierte und präsentierte eine Gruppe von Frauen in wechselnden Konstellationen, an verschiedenen Orten in Berlin und anderswo Filmprogramme, die den Blick auf das Filmschaffen von Frauen lenkten. Viele Regisseurinnen, Drehbuchautorinnen, Kamerafrauen, Filmkomponistinnen u.a. wurden so (wieder-)entdeckt, viele Filme unter neuen Fragestellungen gesehen und diskutiert. Blickpilotin betrieb Forschung zu Film-Autorinnen, Film-Genres und Film-Ländern, sammelte und archivierte spezifische Filmliteratur und gab eigene Publikationen heraus.
Die Arbeit von Blickpilotin wird nun, viele Jahre später, als Teil der Filmgeschichte auf einer Website dokumentiert und das bislang privat untergebrachte Archiv (wenn alles klappt) demnächst an einen öffentlichen Ort umziehen – beides Bemühungen, feministische Kulturgeschichte sichtbar und zugänglich zu halten.
Die Teilnehmer_innen bekommen Einblicke in Programminhalte der Blickpilotin und diskutieren Nutzungsmöglichkeiten der Sammlung.

16–18 Uhr   Didi Cheeka, Marc-André Schachtel, Stefanie Schulte Strathaus

Reclaiming History, Unveiling Memory


Vor einigen Monaten wurde eine Sammlung nigerianischer Filme gefunden, die in der Zeit nach der britischen Kolonialherrschaft entstanden. Erinnerung ist ein halbdunkler Raum, in dem hinter einem Schleier aus Staub fast vergessene, verrostete Filmdosen liegen. Erinnerung ist wie verblassende Bilder, in Schwarzweiß und Farbe, auf zerfallenden Filmkadern, jeder in der Zeit stillgestellt. Erinnerung, ähnlich dem Trauma, gehört uns nie allein, geht nie nur uns an. Erinnerung ist immer kollektiv. Wie trägt ein nationales Filmarchiv zur Praxis der Erinnerns und der Aufarbeitung der Vergangenheit bei?
„Reclaiming History, Unveiling Memory“ ist eine Einladung, sich auf die ungemütliche, aber dennoch aufregende Reise der Wiederaneignung und Aushandlung durch Restaurierung und Projektion zu begeben. Es ist ein Blick zurück – in die Vergangenheit. Das Projekt versucht die Archivarbeit – jenseits von Restaurierung und Digitalisierung – in einen kuratorischen Kontext zu stellen, der mit der Gegenwart und der Zukunft in Beziehung steht. Das Projekt der Lagos Film Society wird vom Goethe-Institut Nigeria unterstützt.

19 Uhr gemeinsames Abendessen im silent green Kulturquartier



Freitag, 26.8.   10–12 Uhr  Bettina Schulte Strathaus

Seeking Fritz Bauer – Ein Werkstattbericht aus den Archiven.


Die derzeitige mediale Omnipräsenz von Fritz Bauer macht Staunen. Bislang führte er eher ein Schattendasein im Kreise von Fachleuten. Wer überhaupt sein Gesicht erkannt hätte, hätte dies niemals auf der Leinwand oder dem Bildschirm vermutet. Fernseharchivalien bleiben vor der Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar. Nicht zuletzt deshalb war lange unbekannt, dass Bauer auch vor den Fernsehkameras ebenso engagiert wie im Gerichtssaal als Interviewpartner, Diskutant oder Redner Stellung bezog. Er äußerte sich dort zu den NS-Prozessen, zur politischen Verantwortung der Justiz, zu Geschichtsleugnung und Rechtsradikalismus, aber auch zu Fragen der Wirtschaftskriminalität, dem Sexualstrafrecht oder der Humanisierung des Strafvollzugs. Nicht zuletzt sprach er über seine Biografie als politisch und antisemitisch Verfolgter und als jüdischer Remigrant.
Bereits 2014 hat Bettina Schulte Strathaus für das Frankfurter Fritz Bauer Institut eine Doppel-DVD kompiliert, die insgesamt 298 Minuten originaler Film- und Fernsehaufnahmen von Fritz Bauer aus den Jahren 1961- 69 zusammenführt.  Aus redaktionellen, oft aber auch aus urheberrechtlichen Gründen wurden gelegentlich nur Ausschnitte verwendet, Bild durch Ton ersetzt, Texttafeln eingefügt, Bonusmaterial ergänzt und dergleichen ‚Notlösungen’ mehr. Wie alle verschlungenen Wege führte dieses Vorgehen gelegentlich zu einschlägigen Funden und Erkenntnissen, die teils in die Publikation Eingang fanden, teils lose Fäden hinterlassen haben, denen es noch nachzugehen gilt.

13:30–15:30  Clemens von Wedemeyer  
DIE PFERDE DES RITTMEISTERS, Clemens von Wedemeyer, D 2016, 10’ & Päsentation der Ausstellungskonzeption zu P.O.V. (Point Of View) im neuen Berliner Kunstverein (28. Mai – 31. Juli 2016 )


Clemens von Wedemeyers Auseinandersetzung mit historischen Phänomenen bildet den Ausgangspunkt seines Interesses und stellt soziopolitische Bezüge bis in die Gegenwart her. Ausgangspunkt der Ausstellung P.O.V. (Point Of View) im Neuen Berliner Kunstverein, die sieben Filmprojektionen in Beziehung setzt, ist das dokumentarische Filmmaterial des Rittmeisters Freiherr Harald von Vietinghoff-Riesch, der als Amateur-Kameramann im Europa des Zweiten Weltkrieges zwischen 1938 und 1942 hinter der Front filmte. Am Beispiel des Materials untersucht von Wedemeyer Bildräume und Grenzen der subjektiven Kamera im Krieg: Worüber kann sie Aufschluss geben? Das 16mm-Material dient dabei als Grundlage für medial-räumliche Installationen.

16–18 Uhr  Ken Jacobs
PERFECT FILM, Ken Jacobs, USA 1986, 22’
THE DOCTOR’S DREAM, Ken Jacobs, USA 1978, 23’


Das Zusammenspiel der beiden Filme PERFECT FILM und THE DOCTOR’S DREAM verweist auf zwei in diametrale Richtung verlaufende Aneignungsweisen von Found-Footage Material: Rekonstruktion in PERFECT FILM und Dekonstruktion In THE DOCTOR’S DREAM. Während in Ken Jacobs PERFECT FILM ein historisches Ereignis, die Ermordung Malcom X, ins Gedächtnis gerufen wird, werden in THE DOCTOR’S DREAM durch Durchbrechung und Neuordnung der Filmbilder eines alten Fernsehfilms, die der Geschichte innewohnenden latenten sexuell konnotierten Inhalte an die Oberfläche geholt. Die Geschichte des ältlichen Doktors, der ein krankes junges Mädchen heilt, erscheint solchermaßen in seiner Struktur aufgebrochen, in einem ganz anderen Licht. Gemeinsam ist beiden Werken die Rückführung des Verbotenen und Verworfenen in die Sichtbarkeit. In beiden Filmen wird die Aneignung und künstlerische Bearbeitung vorhandenen Materials zum Seismographen des in ihnen sich abzeichnenden Zeitgeistes. Ken Jacobs zu PERFECT FILM: „Ein Film, der nie hergestellt wurde... ein unmontierter Klumpen von Film-Mustern der Geschichte. Eine amerikanische Fernsehreportage von der Ermordung Malcolm X’. Für Ihr Vergnügen präsentiert, soeben dem Mülleimer entnommen.“

Samstag, 27.8.
10–12 Uhr  Khaled Abdulwahed

Kulturelles Erbe in Zeiten der Krise


In meinem Film JELLY FISH habe ich versucht, die medialen Bilder des Syrienkonfliktes zu untersuchen, um die Ereignisse der syrischen Revolution und die Umwälzungen, die schließlich im Bürgerkrieg endeten, zu erfassen und zu begreifen, während ich mich selbst außerhalb meines Landes aufhielt. Dabei setzte ich mich mit den Umständen und Mechanismen der Bildproduktion auseinander, sowie mit den Prozessen, die diesen Bildern entweder Eingang in die mediale Öffentlichkeit verschaffen, die später unsere kollektive Erinnerung an den Konflikt bestimmen wird, oder sie davon ausschließen. Das Ergebnis war schlicht und ergreifend, dass das neue Bild des Konflikts, das ich produziert habe, „mein Film“, vom kollektiven Gedächtnis ausgeschlossen wurde. (Khaled Abdulwahed)

13:30–15:30 Uhr   Volker Sattel, Birgit Kohler
LA CUPOLA, Volker Sattel, D 2015, 40’


Das Porträt eines Hauses ohne tragende Wände. Eine kühne Kuppel aus Beton, ein Open Space – gelegen inmitten bizarrer Felsformationen einer schroffen Küste aus rötlichem Granit. Das Haus gehörte der Schauspielerin Monica Vitti und dem Regisseur Michelangelo Antonioni. Die Leere der „Cupola“ und die Verlassenheit des Ortes werden zum Ausgangspunkt für Spekulationen – scheinbar zufällig geraten Figuren ins Bild und betreten die Kuppel, über dessen Form noch heute die Utopie eines alternativen Wohn- und Lebenskonzepts zu schweben scheint.
LA CUPOLA verwebt die Geschichte eines Gebäudes mit der Geschichte einer Liebe und lässt beide in einen Dialog treten. Verschiedene Zeitebenen, wie Reflexionsräume und Geschichten überlagern sich und korrespondieren miteinander. Das Geheimnis, das der verlassenen Villa Antonionis innewohnt, die Lebenswirklichkeit der gemeinsamen Jahre von Vitti und Antonioni, kann nicht beantwortet, doch umkreist werden. Die Zukunft dieses architekturgeschichtlich wie filmhistorisch bedeutsamen Kulturerbes ist jedoch ungewiss.

16–18 Uhr  Abschlussdiskussion mit anschließendem Umtrunk


Veranstaltungsort:

silent green Kulturquartier
 
Teilnahme

Die Teilnehmer_innenzahl ist begrenzt (35 Personen).
Teilnahmegebühren:
135 Euro
115 Euro (Mitglieder, Studierende, Berlin-Pass)
95 Euro (Mitglieder im arsenal freundeskreis)

Hier gibt es das Anmeldeformular zum download
Programm als pdf zum download

Anmeldeschluss ist der 10. August 2016
Kontakt:
Angelika Ramlow | Projektkoordination
summerschool@arsenal-berlin.de

 

 

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