Transgressive Memory Festival: Resynthesising the Traditional

Kuratiert vom CTM Festival

Auf Einladung der Körber-Stiftung hat das CTM Festival einen Abend kuratiert, der Elemente seines langfristigen Projekts „Resynthesising the Traditional“ miteinander verbindet. Das Projekt untersucht, wie sich Musiker*innen kritisch mit Traditionen und kulturellem Erbe auseinandersetzen können und dabei zugleich konservative Vorstellungen von Kultur als etwas hinterfragen, das sich gegen transformative Praktiken und Veränderungen sperrt.
 
Dieser Abend versammelt Arbeiten, die entlang der Bruchstellen des Vergangenen operieren – in Verzerrungen, Unsicherheiten und ausgelassenen Erzählungen, die in idealisierten Vorstellungen der Vergangenheit verborgen liegen.

Marcin Pietruszewski und Lukas de Clerk setzen sich mit dem antiken griechisch-römischen Aulos auseinander, der einen idealisierten und zugleich enträtselten Zustand verkörpert. Danias spekulative Forschung erweckt mesopotamische Museumsobjekte klanglich zu neuem Leben und entwirft so eine Klanglandschaft des Südirak, die ohne koloniale Einflussnahme gedacht wird. Stefan Fraunbergers langjährige Forschung zu den historischen Orgeln Siebenbürgens rückt materielle Prozesse in den Mittelpunkt, die über die verschlungenen Geschichten der Instrumente und die Konfliktfelder zwischen Natur und Kultur hinausreichen. Hier werden idealisierte Vorstellungen der Vergangenheit in instabile Halluzinationen verwandelt.
 


Programm

20:00 Uhr: Stefan Fraunberger »Quellgeister #4: Kuruzenaufstand

Quellgeister ist der Name eines musikalischen Zyklus, den der Komponist Stefan Fraunberger seit über 25 Jahren auf verfallenen Pfeifenorgeln in verlassenen Wehrkirchen Siebenbürgens entwickelt. Einst von deutschen Gemeinden erbaut, deren Mitglieder während der kommunistischen Herrschaft in Rumänien das Land verließen, wurden die Orgeln anschließend der Wildnis überlassen – wie gestrandete Raumschiffe. 

Fraunberger betrachtet diese Instrumente als Grenzobjekte jenseits der Kategorien von Natur und Kultur. Seine Aufnahmen zielen dabei nicht auf Bewahrung, sondern auf Spekulation und die Möglichkeiten eines Neuanfangs. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich die Identität von Objekten verändert, wenn sie zunehmend von menschlicher Bedeutung und Nutzung losgelöst werden. Jede Folge von Quellgeister widmet sich einer anderen verfallenen Pfeifenorgel in einem anderen siebenbürgischen Dorf. 

Für diese Aufführung ist die jüngste Arbeit, Quellgeister #4: Kuruzenaufstand, zu hören, begleitet von Bildern der verfallenden Innenräume und Fresken der Kirchen, die mithilfe maschinellen Lernens verfremdet und transformiert wurden.

20:50 Uhr: Dania »Replica – Relic«

Mit Replica – Relic erkundet Dania einen alternativen Ansatz zur Restitution. Ohne die Zustimmung des British Museum fertigte die Künstlerin heimlich 3D-Scans mehrerer mesopotamischer Artefakte an – Objekte, die aus ihrer Heimat im Südirak „erworben“ wurden. Diese Scans dienten als Vorlage für eine Reihe rekonstruierter Skulpturen, die mit interaktiven Sensoren ausgestattet sind. Sie ermöglichen es Dania, die in den einzelnen Objekten eingeschriebenen klanglichen Erinnerungen wieder zum Leben zu erwecken. 

Während ihrer Performance aktiviert Dania die Skulpturen als Instrumente und entwickelt daraus eine lang angelegte Komposition, die die Stimmen, Resonanzen und die ökologische Erinnerung einer Landschaft, die systematisch ausgelöscht wurde, spektral wiederauferstehen lässt. Ausgehend von einem antiken mesopotamischen Stimmungssystem, das auf Keilschrifttafeln überliefert ist, und ergänzt durch über Jahre aus der Distanz gesammelte Field Recordings, entwirft sie eine Klangwelt des Südiraks, die frei von kolonialen Eingriffen gedacht ist.

21:50 Uhr: Marcin Pietruszewski & Lukas de Clerck »Oto Aulos«

Oto Aulos von Marcin Pietruszewski und Lukas de Clerck ist eine neue Komposition für Aulos und Computer. Mithilfe von maschinellem Hören und computergestützten Verarbeitungstechniken wird das Live-Signal des Aulos in eine dynamisch verräumlichte, hybride Echtzeit-Klangumgebung verwandelt.

Der Aulos ist ein antikes griechisch-römisches Doppelrohrblattinstrument, das seit über einem Jahrtausend ausgestorben ist und von dem keine Klangaufzeichnungen überliefert sind. Über Jahre hinweg hat de Clerck das Instrument durch akribische Arbeit an Rohrblättern und experimentelle Konstruktionen rekonstruiert und dabei nach einer zeitgenössischen Neuerfindung gesucht. Historische Spekulation wird so zu klanglicher Forschung, in der Mikrotonalität, Psychoakustik und sich wandelnde Klangtexturen ein lebendiges Vokabular bilden.

An diese akustischen Eigenschaften anknüpfend, formt Pietruszewski präzise und zugleich flüchtige Klangarchitekturen und untersucht, wie sich synthetische Formen in physische Schwingungen übersetzen lassen. Der Aulos erscheint dadurch als eine wandelbare und umkämpfte Klangtechnologie, deren mythisches Erbe in die brüchige Klanglandschaft der Gegenwart hineinwirkt.
 


Kuratiert vom CTM Festival und Stas Shärifullà auf Einladung des Transgressive Memory Festivals der Körber-Stiftung.

 

12. September 2026
Betonhalle
19:30 bis 22:30 Uhr
Eintritt frei